
Müssen wir wirklich schamlos werden? Gedanken zur Scham von Stefanie Gruber
Stefanie Gruber begegnet bei den Yonimassagen bei ihren Klientinnen immer wieder dem Gefühl von Scham. Sie teilt in diesem Beitrag hier auf INSIDE(h)er ihre wichtigste Erkenntnis: Warum Scham auch eine Hüterin unserer Intimität sein kann – und was geschieht, wenn Frauen ihrem Körper ohne Bewertung begegnen.
Die Scham muss weg – oder?
Wenn wir heute über weibliche Sexualität sprechen, begegnet uns häufig ein Gedanke: Wir Frauen müssten uns endlich von unserer Scham befreien. Wir sollen freier werden. Selbstbewusster. Lustvoller. Uns zeigen, unseren Körper lieben, unsere Bedürfnisse kennen und selbstverständlich zu unserer Sexualität stehen.
Und ja – darin liegt etwas Wichtiges. Über Generationen hinweg wurde weibliche Sexualität reglementiert, bewertet, beschämt und zum Schweigen gebracht. Vieles davon wirkt bis heute in unseren Vorstellungen davon weiter, wie eine Frau und ihre Sexualität zu sein haben.
Aber müssen wir deshalb wirklich schamlos werden?
Ich glaube nicht.
In meiner Begleitung von Frauen erlebe ich Scham nicht nur als etwas, das Sexualität verhindert oder einengt. Ich begegne ihr auch als einer feinen, manchmal sehr körperlichen Reaktion an der Schwelle zur Intimität.
- Ein Blick wird abgewendet.
- Die Hände bedecken den Körper.
- Die Beine schließen sich etwas.
- Ein Lachen überspielt die Unsicherheit.
- Eine Frau möchte sich zeigen – und gleichzeitig verschwinden.
Was, wenn nicht jede Scham überwunden werden muss?
Was, wenn wir vielmehr lernen dürfen zu unterscheiden, welche Scham uns von uns selbst trennt – und welche etwas Kostbares in uns schützt?
Vielleicht brauchen wir für eine freie und selbstbestimmte Sexualität nicht weniger Scham.
Vielleicht brauchen wir eine Scham, die wieder an ihrem richtigen Platz sitzt.
Die Scham, die uns von uns selbst trennt.
Viele Frauen tragen Sätze in sich, die sie irgendwann gelernt haben:
- Mein Körper ist nicht schön genug.
- Meine Vulva sieht komisch aus.
- Ich rieche falsch.
- Ich bin zu laut. Zu lustvoll. Zu fordernd.
Oder genau das Gegenteil:
- Ich habe zu wenig Lust.
- Ich brauche zu lange.
- Ich spüre nicht genug.
- Ich müsste beim Sex anders sein.
Manche dieser Sätze wurden offen ausgesprochen. Andere haben wir viel subtiler aufgenommen – durch Erziehung, gesellschaftliche Vorstellungen, Religion, Medien, frühere Beziehungen oder Erfahrungen, in denen unser Körper und unsere Sexualität bewertet wurden.
Irgendwann braucht es dann niemanden mehr, der uns beschämt.
Wir tun es selbst.
- Wir ziehen den Bauch ein.
- Wir machen uns klein.
- Wir entschuldigen uns für unseren Körper.
- Wir sagen nicht, was wir wollen.
Vielleicht wissen wir irgendwann selbst nicht mehr genau, was wir wollen, weil wir so lange damit beschäftigt waren, zu entsprechen.
Das ist für mich konditionierte Scham.
Sie sagt nicht: „Hier ist meine Grenze.“ Sie sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Und genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied.
Denn während eine natürliche Scham unsere Intimität und unsere Grenzen schützen kann, greift konditionierte Scham unser Selbstbild an. Sie lässt uns nicht nur fragen, ob wir etwas zeigen möchten – sondern ob das, was sich zeigen könnte, überhaupt richtig und zumutbar ist.
Gerade in der Sexualität kann diese Scham tief reichen.
Denn hier begegnen wir unserem Körper, unserer Lust, unseren Sehnsüchten, unseren Grenzen, unserem Begehren und unserem Bedürfnis nach Nähe.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht: „Wie werde ich meine Scham los?“
Sondern:
„Welche Scham gehört, wirklich zu mir und welche habe ich irgendwann gelernt?“
Wenn Scham unsere Intimität schützt
Denn es gibt noch eine andere Seite der Scham.
Eine, die ich in meiner Begleitung von Frauen nicht als etwas erlebe, das überwunden werden muss.
Ich nenne sie die natürliche Scham.
Sie sagt nicht: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Sie sagt eher: „Hier beginnt etwas Intimes.“
Vielleicht kennst du diesen Moment.
- Du möchtest dich zeigen – und gleichzeitig entsteht ein Zögern.
- Du möchtest Nähe – und brauchst noch einen Augenblick.
- Eine Berührung fühlt sich schön an – und trotzdem möchtest du erst spüren, ob du wirklich weitergehen willst.
Nicht jedes Zögern ist eine Blockade. Nicht jedes Bedecken bedeutet, dass eine Frau ihren Körper ablehnt.
Und nicht jede Scham muss aufgelöst werden. Manchmal braucht es einfach Zeit. Zeit, um zu spüren:
- Bin ich hier sicher?
- Möchte ich mich zeigen?
- Möchte ich diese Berührung?
- Wie weit möchte ich mich gerade öffnen?
Für mich liegt darin etwas sehr Würdevolles. Ich sehe diese Form der Scham wie eine Hüterin an der Schwelle unserer Intimität. Sie entscheidet nicht für uns. Aber sie lässt uns innehalten. Sie erinnert uns daran, dass unser Körper, unsere Nacktheit und unsere Sexualität nicht selbstverständlich verfügbar sind.
Dass wir wählen dürfen.
Wann. Wie. Wo. Und mit wem.
Eine selbstbestimmte Frau muss nicht alles zeigen können. Sie muss auch nicht über jedes Zögern hinweggehen, um „befreit“ zu sein. Vielleicht zeigt sich ihre Freiheit gerade darin, dass sie ihren eigenen Rhythmus kennt.
Dass sie ein Ja nicht geben muss, bevor es wirklich ein Ja ist. Dass sie ein Nein nicht erklären muss.
Und dass auch ein „Noch nicht“ seinen Platz haben darf.
Müssen wir also schamlos werden?
Schamlos.
Das Wort klingt zunächst nach Freiheit.
Nach einer Frau, die sich nicht länger klein macht. Die ihren Körper nicht versteckt. Die ihre Lust kennt, ihre Wünsche ausspricht und sich nicht mehr danach richtet, was andere für angemessen halten.
In dieser Schamlosigkeit steckt etwas Befreiendes: Ich schäme mich nicht länger dafür, wer ich bin.
Doch auch Schamlosigkeit hat für mich eine Schattenseite. Nämlich dann, wenn Freiheit mit Grenzenlosigkeit verwechselt wird. Wenn Offenheit zum neuen Anspruch wird.
Wenn aus „Du darfst dich zeigen“ irgendwann ein „Du solltest dich zeigen können“ wird.
Wenn ein Zögern als Blockade gilt, eine Grenze als Angst und ein Bedürfnis nach Schutz als etwas, das noch überwunden werden muss.
Auch in Räumen, die sexuelle Befreiung versprechen, kann so ein neuer Druck entstehen:
- Sei offen.
- Sei frei.
- Trau dich.
- Lass los.
- Zeig dich.
Aber was, wenn ich mich gerade nicht zeigen möchte? Was, wenn meine Freiheit heute darin besteht, mich zu bedecken? Was, wenn ich sinnlich sein möchte, ohne verfügbar zu sein? Was, wenn ich Lust empfinde und ihr trotzdem nicht folgen möchte?
Sexuelle Freiheit bedeutet für mich nicht, keine Scham mehr zu kennen. Sie bedeutet, wählen zu können.
- Ich darf mich zeigen – und ich darf mich bedecken.
- Ich darf neugierig sein – und ich darf zurücktreten.
- Ich darf Lust haben – und ich darf keine Lust haben.
- Ich darf mich öffnen – und ich darf meine Grenze schließen.
Eine selbstbestimmte Sexualität braucht keine Frau, die grenzenlos geworden ist. Sie braucht eine Frau, die sich selbst spürt.
Wenn Scham in der Berührung auftaucht
In meiner Begleitung kommt Scham selten mit großen Worten.
Oft kommt sie ganz leise.
Manchmal in einem Moment, in dem eine Frau plötzlich spürt, wie weich und sanft eine Berührung sein kann. Manchmal während eines liebevollen Haltens im Bereich der Gebärmutter, wenn ihr bewusst wird, wie wenig Aufmerksamkeit sie diesem Teil ihres Körpers bisher geschenkt hat. Ich erinnere mich an eine Frau, bei der ich meine Hände ruhig in diesem Bereich hielt.
„Wie fühlt sich das Halten für dich an?“, fragte ich.
„Warm und weich“, antwortete sie.
„Warm und weich“, wiederholte ich.
„Und was spürst du noch?“
Nach einer Weile sagte sie:
„Eine Enge. Es ist eng in meiner Gebärmutter.“
Ihr Atem wurde langsamer und flacher.
Ich ließ meine Hände dort, ohne etwas verändern zu wollen.
„Du spürst Enge. Lass sie erst einmal da sein.“
Dann kamen die Tränen.
Nach einer Weile sagte sie:
„Ich schäme mich, weil ich meiner Gebärmutter so wenig Beachtung geschenkt habe.“
Auch dieses Gefühl musste nicht weg.
Ich lud sie ein, auch diesem Gefühl von „Ich schäme mich“ Raum zu geben.
Wieder flossen Tränen.
Und irgendwann sagte sie:
„Meine Gebärmutter ist mir nicht böse.“
Sie hielt einen Moment inne.
„Das ist so ein schönes, warmes Gefühl.“
Etwas hatte sich verändert.
Nicht, weil wir die Scham bekämpft hatten.
Nicht, weil ich ihr erklärt hatte, was sie fühlen sollte.
Die Scham durfte da sein.
Die Enge durfte da sein.
Die Tränen durften da sein.
Und aus ihrem eigenen Erleben heraus wurde es schließlich weiter und weicher.
Genau darin liegt für mich eine besondere Möglichkeit einer achtsam und konsensuell gestalteten Yonimassage.
Sie ist kein Versprechen, Scham aufzulösen. Sie kann aber einen Raum eröffnen, in dem eine Frau ihrem Körper begegnet, ohne etwas leisten zu müssen.
Wenn Scham der Lust begegnet
Scham begegnet mir in der Yonimassage aber nicht nur dort, wo Enge, Traurigkeit oder Tränen auftauchen.
Manchmal erscheint sie mitten in der Lust: Eine Berührung wird intensiver. Der Atem verändert sich. Der Körper beginnt sich zu bewegen. Vielleicht entsteht Wärme im Becken oder eine Erregung, die die Frau so nicht erwartet hat.
Und plötzlich ist da ein Innehalten.
Manchmal ein verlegenes Lachen.
Oder die Frage: „Darf ich das?“ und „Darf ich so viel Lust empfinden?“
Auch hier geht es für mich nicht darum, eine Frau über ihre Scham hinwegzuführen. Ich muss ihr nicht sagen:
„Natürlich darfst du. Lass dich einfach fallen.“ Denn vielleicht wäre selbst das schon wieder eine Erwartung.
Stattdessen bleiben wir bei ihrem Erleben.
- Wie fühlt sich diese Lust an?
- Wo spürst du sie?
- Was geschieht in dir, wenn du bemerkst, wie viel dein Körper gerade empfindet?
- Möchtest du dieser Berührung weiter folgen?
- Oder braucht es einen Moment des Innehaltens?
Die Frau entscheidet.
- Vielleicht möchte sie weitergehen.
- Vielleicht langsamer werden.
- Vielleicht braucht sie eine Pause.
- Alles davon darf richtig sein.
Und manchmal geschieht dabei etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Berührendes:
Eine Frau erlebt ihre eigene Lust, ohne dass jemand etwas von ihr möchte.
- Sie muss niemanden erregen.
- Sie muss nichts zurückgeben.
- Sie muss keinen Orgasmus erreichen.
- Sie muss nicht schön aussehen.
- Sie muss überhaupt nirgendwo ankommen.
- Sie darf empfangen.
- Und sie darf spüren, was ihr Körper daraus macht.
Vielleicht liegt genau darin eine neue Erfahrung von sexueller Freiheit. Nicht darin, möglichst viel Lust empfinden zu können. Sondern darin, der eigenen Lust begegnen zu dürfen, ohne sie bewerten zu müssen. Wir müssen dabei nicht sofort wissen, warum Scham auftaucht.
Wir können zunächst wahrnehmen:
- Da ist Lust.
- Da ist Scham.
- Und beides darf gerade zu mir gehören.
Vielleicht muss eine Frau dann irgendwann nicht mehr zwischen der „anständigen“ und der „lustvollen“ Frau wählen.
Sondern darf beginnen herauszufinden: Wie fühlt sich meine Sexualität an, wenn sie wirklich meine sein darf?
Eine neue Freiheit
Vielleicht müssen wir also gar nicht schamlos werden.
Vielleicht dürfen wir vielmehr lernen, unserer Scham zuzuhören. Zu unterscheiden, wann sie aus alten Bewertungen spricht, und uns glauben lässt, mit unserem Körper, unserer Lust oder unserer Sexualität sei etwas nicht richtig.
Und wann sie eine feine Grenze markiert, die unsere Aufmerksamkeit verdient.
Für mich bedeutet sexuelle Freiheit deshalb nicht, jede Scham hinter mir gelassen zu haben.
Freiheit beginnt dort, wo ich mich selbst wahrnehme. Wo ich spüre:
- Das ist mein Körper.
- Das ist meine Vulva.
- Das ist meine Lust.
- Das ist meine Scham.
- Das ist mein Nein.
- Und das ist mein Ja.
- All das darf zu mir gehören
- Ich muss meinen Körper nicht uneingeschränkt lieben, um ihn würdevoll zu behandeln.
- Ich muss mich nicht immer zeigen, um frei zu sein.
- Ich muss keine Lust empfinden – und ich muss mich nicht für meine Lust schämen.
- Ich darf mich öffnen.
- Ich darf mich schützen.
- Ich darf meine Meinung ändern.
- Ich darf neugierig sein.
- Ich darf empfangen.
- Und ich darf meinen eigenen Rhythmus finden.
Vielleicht ist genau das die Leichtigkeit, die entstehen kann, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.
Nicht, indem jede Unsicherheit, jede Enge und jede Scham verschwinden. Sondern indem wir uns mit dem, was gerade da ist, nicht länger verlassen. Dann wird aus sexueller Freiheit kein neues Ideal, dem wir entsprechen müssen. Sondern etwas sehr Eigenes. Etwas Verkörpertes.
- Eine Freiheit, die nicht darin besteht, grenzenlos zu werden, sondern die eigenen Grenzen wahrnehmen und ihnen vertrauen zu können.
- Eine Freiheit, in der Lust und Scham nebeneinander existieren dürfen.
- Eine Freiheit, in der ich mich zeigen kann, ohne mich preiszugeben.
Vielleicht beginnt sexuelle Freiheit nicht dort, wo wir keine Scham mehr empfinden. Sondern dort, wo wir unterscheiden können, welche Scham uns klein hält – und welche unsere Würde schützt.
Nicht schamlos.
Nicht beschämt.
Sondern verbunden mit uns selbst.

Stefanie Gruber
Gesundheitspraktikerin für Sexualkultur BfG
Deine achtsame Wegbegleiterin
Wegweiserin & Trägerin der Archetypin Weise Alte
Yoni- und Schoßraum Rituale & Bewusstseinsräume der neuen Zeit
Bayern, 94099 Ruhstorf a.d. Rott
www.yonikraft.de