Carola Weisgerber, Gesundheitspraktikerin für Sexualkultur (DGAM)
Wissen & Forschung

Vaginismus und Vulvodynie – und wie Yonimassage unterstützen kann

Carola Weisgerber, Gesundheitspraktikerin in Neu-Ulm, setzt Yonimassage dann ein, wenn es weh tut. Sie hat sich auf zwei vaginale Schmerzphänomene spezialisiert: Vulvodynie und Vaginismus. Beide Erkrankungen sind tiefgreifende Schutz- und Schmerzreaktionen des Körpers, die das Leben von Frauen massiv beeinflussen. Nicht nur, dass sie Jahre auf eine Diagnose warten müssen – die Behandlungsmöglichkeiten der Schulmedizin sind in Deutschland auf wenige Spezialzentren beschränkt. Beide rücken erst seit etwa 20 Jahren mehr ins Bewusstsein von Ärztinnen und Therapeuten. Seit 2015 wird multifaktorielle Ursache offiziell anerkannt, denn Körper, Psyche und Umgebung wirken hier zusammen.
Die Gesundheitspraktikerin bietet körperorientiertes Sexualcoaching an der Schnittstelle von Nervensystem, Körpergedächtnis und Sexualität. Also dort, wo medizinische Befunde oft unauffällig sind, das Schmerzphänomen aber praktisch adressiert werden kann. Das ist interessant. Unter anderem auch, weil ca. 10-18 Prozent aller Frauen im Lauf ihres Lebens betroffen sein können.

10 Fragen an Carola Weisgerber, Gesundheitspraktikerin für Sexualkultur (DGAM)

INSIDE(h)er: Von Vaginismus liest man ab und zu – aber was ist Vulvodynie? Wie unterscheiden sich beide Schmerzphänomene?

Carola: Vulvodynie ist ein chronischer, meist brennender Schmerz der Vulva, der länger als drei Monate anhält – ohne dass Ärztinnen eine eindeutige organische Ursache finden. Erst wenn Infektionen, Hautkrankheiten oder neurologische Auffälligkeiten ausgeschlossen sind, wird die Diagnose gestellt. Man unterscheidet dabei nach verschiedenen Kriterien:

Nach Ort:

  • lokalisiert, meist als Vestibulodynie am Scheideneingang oder als Klitorodynie an der Klitoris,
  • oder generalisiert, wenn die ganze Vulva betroffen ist.

Nach Beginn:

  • primär, wenn der Schmerz von Anfang an da war – also schon vor dem ersten sexuellen Kontakt bestand, etwa bereits bei der ersten Tamponbenutzung oder sogar in der Kindheit bemerkt wurde, ohne dass es je ein schmerzfreies Intervall gab,
  • oder sekundär, wenn er erst nach einer beschwerdefreien Phase auftrat.

Nach Art des Auftretens:

  • Provozierte Vulvodynie zeigt sich nur bei Berührung oder Druck – etwa bei Sex, beim Einführen eines Tampons oder schon bei enger Kleidung,
  • während spontane, unprovozierte Vulvodynie dauerhaft besteht, unabhängig von einem Auslöser, mit lediglich schwankender Intensität.
  • Es gibt auch Mischformen aus beidem.
  • Diese Unterscheidung ist keine Formsache, sondern entscheidend für die passende Therapie.

Vaginismus dagegen ist eine unwillkürliche Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur beim Versuch der Penetration. Der Schmerz entsteht durch den Krampf selbst.

Beide sind Schutzreaktionen des Nervensystems, keine Einbildung.

Und sie treten oft gemeinsam auf: Wiederholte Schmerzerfahrungen durch Vulvodynie können dazu führen, dass sich der Beckenboden vorsorglich verkrampft – ein gelernter Schutzreflex. Umgekehrt kann anhaltender Vaginismus das vulväre Gewebe zusätzlich sensibilisieren.

In beiden Fällen gilt: Der Körper reagiert nicht willkürlich, er schützt.

INSIDE(h)er: Was hat dich dazu gebracht, dich genau auf Vulvodynie und Vaginismus zu spezialisieren?

Kunstvolles Symbolbild für Vulvodynie
Ki-generierte Darstellung der der Yoni als Seelenblüte

Carola: Ich bin selbst betroffen – von Vestibulodynie, der lokalisierten, provozierten Form der Vulvodynie. Meine ersten Symptome traten vor etwa fünfzehn Jahren auf: ein brennender, stechender Schmerz am Scheideneingang, der Penetration unmöglich gemacht hat. Meine Frauenärztin sagte mir damals nur, ich hätte eben empfindliche Haut, und riet mir zu mehr Gleitmittel. Eine weiterführende Diagnostik gab es nicht.

Sexualität konnte ich so nicht mehr leben, und ich war über Jahre komplett von meinem eigenen Körper abgeschnitten.

Ich habe mich auch Laserbehandlungen unterzogen, bei denen versucht wurde, die schmerzhaften Stellen zu behandeln – ohne dass sich etwas gebessert hat.

Eine wirkliche Diagnose habe ich erst 2020 erhalten, nach Jahren ohne Erklärung. Am Ende dieses Weges stand noch eine weitere Operation im Vestibulum, eine Vestibulektomie, bei der das mittlerweile nervengeschädigte Gewebe entfernt wurde. Das war der Punkt, an dem ich mich bewusst auf die Suche nach einem ganzheitlichen Behandlungsansatz gemacht habe.

Ich habe viel gelesen, vor allem englischsprachige Fachliteratur, war auf einem Fachsymposium zu dem Thema und habe mich schließlich selbst in Schoßraum-Massage und körperorientiertem Sexualcoaching ausbilden lassen. Genau aus dieser Erfahrung heraus – wie lange man als Frau mit diesem Schmerz allein gelassen wird – ist meine Spezialisierung entstanden.

INSIDE(h)er: Erschreckend, wie lange dir nicht geholfen werden konnte. Welche schulmedizinischen Behandlungsansätze gibt es inzwischen?

Carola: Die Palette ist breit, weil Vulvodynie multifaktoriell ist und entsprechend auf mehreren Ebenen behandelt werden muss.

Medikamentös

  • Dazu gehören topische und orale Medikamente
  • teils auch niedrig dosierte Antidepressiva
  • oder Antikonvulsiva als Schmerzmodulatoren

Physiotherapeutisch

  • Beckenbodenphysiotherapie mit Biofeedback
  • und Dilatatoren

Neurologisch

  • minimalinvasive Verfahren wie Nervenblockaden
  • oder Botox

Psychotherapeutisch

  • kognitive Verhaltenstherapie
  • Traumatherapie

Komplementärmedizinisch

  • Akupunktur wird in den europäischen Leitlinien erwähnt – als einzige nicht-schulmedizinische Methode.

Operativ

  • Am Ende der Behandlungskette steht, bei bestimmten Formen und nach Ausschöpfen aller anderen Optionen, die Vestibulektomie, ein operativer Eingriff mit Erfolgsraten von 60 bis 90 Prozent in spezialisierten Zentren.

Entscheidend ist: Keine dieser Therapien wirkt isoliert am besten, sondern im multimodalen Zusammenspiel.

INSIDE(h)er: Wie erklärst du Frauen, die zu dir kommen, dass Vulvodynie und Vaginismus neurobiologische Schutzreaktionen sind – und keine Einbildung?

Carola: Ich erkläre es über das Nervensystem, nicht über den Kopf. Bei Vulvodynie steigt die Dichte der Schmerzrezeptoren im Gewebe, die Reizschwelle sinkt, und das Rückenmark sowie das Gehirn lernen, auf Berührung mit Alarm zu reagieren. Das nennt man periphere und zentrale Sensibilisierung. Der Schmerz entsteht im Nervensystem, nicht im Kopf.

Die Psyche moduliert ihn – durch Angst, Erwartung, Aufmerksamkeit –, aber sie verursacht ihn nicht. Vulvodynie ist eine psychosomatische, keine psychische Erkrankung.

Wenn Frauen verstehen, dass ihr Körper nicht kaputt ist, sondern gelernt hat zu schützen, verändert sich oft schon die Beziehung zum eigenen Schmerz. Und was erlernt wurde, kann auch wieder verlernt werden.

INSIDE(h)er: Du bietest Frauen ein körperorientiertes Sexualcoaching mit Yonimassage & Schoßraumarbeit. Wie genau läuft das ab? Wie viele Sitzungen sind nötig und wo liegen die Kosten?

Carola: Das lässt sich nicht pauschal beantworten – jeder Weg ist individuell. Im kostenlosen Kennenlerngespräch klären wir zunächst, wo eine Frau gerade steht und was sie braucht. Danach entscheiden wir gemeinsam, wo wir ansetzen: Manche Frauen brauchen zuerst körperorientiertes Sexualcoaching – Psychoedukation, Grenzwahrnehmung, Nervensystemregulation –, bevor überhaupt eine Yonimassage sinnvoll oder gewünscht ist. Meine Ausbildung dazu ist die Perlentor®-Massage, eine dynamische Form der Schoßraumarbeit, bei der Kommunikation und emotionale Begleitung im Vordergrund stehen.

Innerhalb der Yonimassage können wir außerdem, wenn die Frau so weit ist, in einem sogenannten Schmerzpunkte-Prozess gezielt mit inneren, schmerzhaften Triggerpunkten arbeiten, damit sich diese lösen können.

Bei manchen beginnen wir auch mit einer anderen Massageform, etwa der Transformations®-Massage, bei der zunächst tieferliegende emotionale Muster und Lebensthemen geklärt werden können, bevor wir uns dem Schoßraum direkt annähern.

Raum
Raum bei Carola Weisgerber in Neu-Ulm

Auch Trancereisen oder eine Frauen-Wohl-Massage können ein sanfter Einstieg sein – sie klammern den Intimbereich zunächst bewusst aus und regulieren erst einmal ganz allgemein das Nervensystem.

Andere Frauen sind bereits so weit, dass wir früher in die Körperarbeit einsteigen können. Es gibt also keinen festen Ablauf, sondern ein Tempo, das sich an der jeweiligen Frau orientiert.

Zur Orientierung: Das Kennenlerngespräch ist kostenlos, ein persönliches Vor-Ort-Gespräch kostet 30 Euro, körperorientiertes Sexualcoaching 80 Euro pro Stunde, und eine Schoßraum-Massage inklusive Vor- und Nachgespräch je nach Umfang zwischen 240 und 320 Euro. Bei mehreren Terminen sind individuelle Vereinbarungen möglich, auch wenn die finanzielle Situation herausfordernd ist. Genaue Details dazu finden sich auf meiner Website.

INSIDE(h)er: Was passiert im Nervensystem, wenn Yonimassage oder Schoßraumarbeit achtsam und therapeutisch eingesetzt werden?

Carola: Vier Dinge passieren gleichzeitig.

  1. Achtsame, sichere Berührung aktiviert den Parasympathikus – das Nervensystem lernt ‚hier bin ich sicher‘, obwohl es zuvor dauerhaft im Sympathikus-Modus war.
  2. Durch behutsame, graduell aufbauende Berührung entstehen neue sensorische Erfahrungen, die dem Gewebe zeigen, dass Berührung nicht gleich Gefahr bedeutet – das ist periphere Desensibilisierung.
  3. Die Schoßraum-Massage löst die chronische Muskelspannung im Beckenboden, verbessert die Durchblutung und unterbricht so den Kreislauf aus Anspannung und Schmerz.
  4. Das Wichtigste vielleicht: Jede positive Körpererfahrung schafft neue synaptische Verbindungen und schreibt das Schmerzgedächtnis Stück für Stück um. Nichts davon ersetzt Medizin oder Physiotherapie – es ergänzt sie genau dort, wo diese enden: an der Körpererfahrung und am Vertrauen.

INSIDE(h)er: Welche Rolle spielt der Beckenboden bei diesen Schmerzphänomenen?

Schaubild der 5 Körperebenen
Vulvodynie und Vaginismus sind multifaktoriell

Carola: Der Beckenboden ist bei beiden Phänomenen zentral. Studien zeigen, dass 60 bis 80 Prozent der Betroffenen einen erhöhten Muskeltonus haben – oft kombiniert mit Zähneknirschen, was zeigt, wie sehr der ganze Körper in Anspannung geht.

Es entsteht ein Teufelskreis: Schmerz führt zu Anspannung, Anspannung reduziert die Durchblutung, es bilden sich Triggerpunkte, und das wiederum verstärkt den Schmerz.

Der Beckenboden bleibt im Schutzmodus, solange das Nervensystem Berührung mit Gefahr gleichsetzt – unabhängig davon, ob aktuell noch ein Reiz vorliegt. Das ist auch der Grund, warum reine Willenskraft oder ‚Entspann dich einfach‘ nicht funktioniert.

Das Gewebe muss neue Erfahrungen machen dürfen, bevor es loslassen kann.

INSIDE(h)er: Warum müssen viele Frauen ihre Sexualität neu definieren, wenn sie mit Vulvodynie oder Vaginismus leben?

Carola: Weil unsere Vorstellung von Sexualität in der Regel viel zu eng ist – reduziert auf Penetration als Maßstab von ‚funktionierendem‘ Sex. Sexualität hat aber mindestens drei Dimensionen:

  • Lust & körperliche Erregung
  • Fortpflanzung
  • und die Beziehungsebene.

Bei letzterer geht es um Sicherheit, Vertrauen, Nähe, Angenommensein. Penetration ist nur eine mögliche Ausdrucksform von einer davon. Wenn Frauen mit Vulvodynie oder Vaginismus an diesem engen Bild festhalten, geraten sie unter enormen Leistungsdruck und überschreiten oft ihre eigenen Grenzen, nur um ’normal‘ zu funktionieren. Sexualität darf sich verändern, ohne weniger wert zu sein: Genuss ohne Ziel, Nähe ohne Penetration, Selbstwahrnehmung als eigenständige sexuelle Qualität – das zu erfahren, ist für viele Frauen der erste Schritt zurück zu sich selbst.

INSIDE(h)er: Das Angebot der Schulmedizin ist ja sehr vielfältig. Wo siehst du trotzdem großen Lücken in der aktuellen Versorgung – und welchen Beitrag leistet körperorientierte Sexualkultur?

Carola: Die größte Lücke ist die Zeit bis zur Diagnose. Im Schnitt sind es vier bis sieben Jahre, und selbst danach oft bis zu einem Jahr Wartezeit auf einen der wenigen spezialisierten Zentren in Deutschland. In dieser Zeit erleben viele Frauen, was man Medical Gaslighting nennt – ihre Beschwerden werden nicht ernst genommen oder als eingebildet abgetan, was Scham und Isolation noch vertieft. Und selbst mit guter medizinischer Behandlung bleibt oft eine Lücke offen: die Körpererfahrung, das Vertrauen in den eigenen Körper, die sexuelle Identität.

Genau dort setzt körperorientiertes Sexualcoaching an. Es ist meines Wissens der einzige Ansatz, der Berührung, Körperarbeit, Psychoedukation, Grenzarbeit und sexuelle Begleitung in einem durchgehenden, sicheren Beziehungsrahmen verbindet. Das sollte in enger Abstimmung mit Gynäkologie, Physiotherapie und Psychotherapie  stattfinden, nicht anstelle davon.

INSIDE(h)er: Was möchtest du Frauen mitgeben, die gerade erst beginnen, sich mit ihrem Schmerz auseinanderzusetzen?

Carola: Vor allem eines: Dein Schmerz ist real. Er ist körperlich messbar und nachweisbar – du bildest dir nichts ein.

Dein Körper schützt dich, auf Basis von Mustern, die er irgendwann gelernt hat, und das ist keine Schwäche.

Vulvodynie und Vaginismus sind multifaktoriell: Körper, Psyche und Umfeld wirken zusammen, deshalb braucht Heilung auch mehrere Ebenen gleichzeitig. Sensibilisierungsprozesse kehren sich nicht über Nacht um; Geduld ist Teil der Therapie, nicht ihr Gegenteil. Und: Gehört werden, in einem sicheren Raum, ist oft schon der erste Schritt zur Veränderung. Nicht jeder Schmerz ist sichtbar – und nicht alles, was unsichtbar ist, ist weniger real.


Carola Weisgerber, bietet als Gesundheitspraktikerin für Sexualkultur (DGAM) in Neu-Ulm körperorientiertes Sexualcoaching für den Umgang mit Vulvodynie und Vaginismus. Sie hat sich auf diese vaginalen Schmerzphänomene spezialisiert.

Kontakt:
Hauptstrasse 12
89233 Neu-Ulm
info@seelenblueten-raum.de
www.seelenblueten-raum.de

Tel.: +49 (0) 1575/789 46 42


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Weiterführende Literatur: „Wenn Liebe schmerzt“ ein Ratgeber für Frauen mit Vaginismus, Dyspareunie, Vulvodynie. Claudia Amherd. Klick auf das Produktbild mit dem Affiliate‑Link zu Amazon (= kleine Provision für die Betreiberin der Webseite, wenn du über den Link bestellst).

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